Geschichte des Wasserturms Kreuzberg
Der Wasserturm am Tempelhofer Berg, an der Ecke Kopischstraße/Fidicinstraße, gehört heute zu den markantesten Orten im Chamissokiez. Errichtet wurde er 1887/1888 nach Plänen der Architekten Hugo Hartung und Richard Schultze. Am 14. Juni 1888 ging der Turm in Betrieb.
Sein schmiedeeiserner Hochbehälter fasste rund 400 Kubikmeter Wasser, also etwa 400.000 Liter. Das Bauwerk ist rund 45 Meter hoch und steht heute unter Denkmalschutz.
Ein Turm für die wachsende Stadt
Der Bau war eine Antwort auf ein sehr konkretes Problem der wachsenden Stadt. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Berlinerinnen und Berliner über Hof- und Straßenbrunnen mit Wasser versorgt. Mit den mehrstöckigen Mietshäusern der Gründerzeit reichte das nicht mehr aus.
Wasser musste nun zuverlässig bis in die oberen Etagen gelangen. Dafür brauchte es starken Druck. Genau diesen Druck erzeugten Wassertürme, indem sie Wasser in hoch gelegenen Behältern speicherten und die Schwerkraft arbeiten ließen.
Dampfmaschine, Kesselhaus und Wohnen im Turm
Ursprünglich wurde die Pumpanlage im Erdgeschoss von einer Dampfmaschine angetrieben. Der Anbau neben dem Turm diente als Kesselhaus sowie als Kohlen- und Öllager.
Auch Wohnen gehörte von Anfang an zur Anlage: Im ersten Obergeschoss, unterhalb des Wasserbehälters, befand sich eine Wohnung, vermutlich für einen ständigen Aufseher des Turms und den Heizer.
Technische Modernisierung und architektonische Details
Später wurde die Technik modernisiert. Nachdem eine elektrische Pumpe installiert worden war, wurde der Anbau 1925 zu Wohnzwecken umgebaut.
In den Maschinenraum wurde außerdem nachträglich ein Sternengewölbe mit Rippen aus Ziegelformsteinen eingebaut. Dieses architektonische Detail zeigt, dass der Turm nicht nur ein Zweckbau war, sondern auch gestalterischen Anspruch hatte.
Das Ende als Wasserspeicher
Eine besondere Episode markiert das Ende der ursprünglichen Nutzung: In den 1950er Jahren bekam die letzte Mieterin die Nähe zur Wasserquelle sehr direkt zu spüren.
Der Schwimmer, der den Wasserstand im Kessel regulierte, war defekt. Weil dies nicht sofort bemerkt wurde, lief der Behälter über. Die Wohnung stand plötzlich unfreiwillig „mit fließend Wasser“ da.
Dieser erhebliche Schaden gab schließlich den letzten Anstoß, den Turm nicht länger als Wasserspeicher zu nutzen und auf modernere Technik umzusteigen.
Ende der 1950er Jahre wurde der Wasserturm stillgelegt. Danach richteten die Berliner Wasserwerke fünf Wohnungen für Angestellte ein, die bis Anfang der 1980er Jahre bewohnt waren. Damit endete die erste Ära des Wasserturms als technisches Bauwerk der Berliner Wasserversorgung.
Eine neue Idee aus dem Kiez
Die zweite Ära begann aus dem Kiez heraus. Als die Wohnungen Anfang der 1980er Jahre leer wurden, fiel engagierten Menschen in der Nachbarschaft auf, dass es rund um den Chamissoplatz nur wenige Freizeitangebote gab, besonders für Jugendliche.
Gleichzeitig bot der leerstehende Turm einen außergewöhnlichen Ort für einen Treffpunkt.
Ende 1980 gründete sich deshalb die Initiative „Jugend für den Wasserturm“. Aus ihr entstand im Juni 1985 der Selbsthilfeverein Jugendzentrum Wasserturm e.V. Aus diesem ursprünglichen Selbsthilfeverein entwickelte sich der heutige Verein Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum Wasserturm e.V.
Der Verein steht damit in direkter Tradition der damaligen Selbsthilfeinitiative: Was aus bürgerschaftlichem Engagement und dem Wunsch nach einem offenen Ort für Jugendliche entstand, prägt den Wasserturm bis heute.
Selbsthilfe, Verein und neue Nutzung
Der Verein spielte von Beginn an eine zentrale Rolle bei der neuen Nutzung des Turms. Gemeinsam mit dem Bezirksamt Kreuzberg setzte er sich dafür ein, den historischen Ort nicht einfach leer stehen zu lassen, sondern ihn als lebendigen Treffpunkt für Kinder, Jugendliche, Kultur und Nachbarschaft zu öffnen.
Da mit einem offiziellen Umbau durch das Bezirksamt zunächst nicht sofort zu rechnen war, wurde eine vorgezogene Nutzung in Selbsthilfe vorbereitet und Schritt für Schritt umgesetzt.
Seit 1984 gibt es den Wasserturm als Freizeiteinrichtung. Damit wurde der alte Wasserturm wieder zu einem Sammelbecken, diesmal nicht für Wasser, sondern für Begegnung, Austausch und Kultur.
Sanierung und offizielle Übergabe
Ab 1986 wurde der Turm mehrere Jahre saniert. Am 24. Oktober 1988 wurde er im Rahmen der 2. Kulturtage am Chamissoplatz offiziell seiner neuen Nutzung übergeben.
Das Gebäudeensemble wurde damit Schritt für Schritt zu einem Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum.
Der DTK-Wasserturm
Eine weitere wichtige Entwicklung folgte im Jahr 2002: In seiner heutigen Form entstand der DTK-Wasserturm, als zwei Einrichtungen zusammengeführt wurden. Das waren die Kinderfreizeiteinrichtung des freien Trägers Sportjugend Berlin und die bezirkliche Jugendfreizeiteinrichtung Wasserturm.
Das Kürzel DTK verweist auf den Deutsch-Türkischen-Kindertreff, der seit 2002 über die Sportjugend Berlin im Wasserturm mitarbeitet.
Gerade diese Verbindung aus bezirklicher Jugendarbeit, freiem Träger, Verein und Kiezengagement wurde zu einem besonderen Merkmal des Hauses. Sie ermöglichte, dass der Wasserturm nicht nur ein klassisches Jugendzentrum blieb, sondern ein offener Ort für unterschiedliche Generationen, Kulturen und Lebensrealitäten wurde.
Der Wasserturm heute
Heute ist der DTK-Wasserturm ein Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum im südwestlichen Kreuzberg. Er ist Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und Nachbarschaft, für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen.
Zu den Angeboten gehören unter anderem ein Jugendcafé, Tonstudio, Siebdruckwerkstatt, kreative Projekte, Sport- und Bewegungsangebote, Ferienprogramme, Veranstaltungen und Räume für Begegnung.
Auch in jüngerer Zeit wurde der Wasserturm weiterentwickelt. Nach einer mehrjährigen Sanierung wurde das Gebäude 2024 wieder als Jugendeinrichtung genutzt. Dabei wurden unter anderem Gruppenräume, Küche, Tonstudio, Proben- und Aufnahmeraum, Siebdruckwerkstatt, Café und der Saal erneuert oder neu nutzbar gemacht.
Vom Wasserspeicher zum offenen Haus
So hat der Wasserturm im Chamissokiez seine Funktion grundlegend verändert, seine Bedeutung aber behalten. Früher versorgte er die Nachbarschaft mit Wasser. Heute bietet er Raum für Begegnung, Beteiligung, Kultur und ein Stück Kreuzberger Selbstorganisation.
Im Mittelpunkt steht dabei klar die Arbeit mit jungen Menschen: Der DTK-Wasserturm ist in erster Linie ein offenes Haus für Kinder und Jugendliche, ein Ort zum Ankommen, Ausprobieren, Mitgestalten und Gemeinschaft erleben.
Gleichzeitig öffnet sich das Haus auch für die Nachbarschaft und bleibt damit ein lebendiger Treffpunkt im Kiez.
